Die Vor- und Nachteile von Rewes neuer “Lieferflat”

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Nachdem die österreichische Rewe-Tochter Billa im vergangenen Jahr erfolgreich ihren “Lieferpass” eingeführt hat (siehe Supermarktblog: Warum Billas “Lieferpass” cleverer ist als Amazon Fresh), testet Rewe jetzt auch in Deutschland eine Lieferkosten-Flatrate. Mit der Prepaid-Option können Kunden im bezahlten Zeitraum so oft Lebensmittel bestellen, wie sie wollen, ohne dafür zusätzlich Gebühren zu zahlen. Einzige Voraussetzung: der Mindestbestellwert von 40 Euro muss erreicht werden.

Ein Monat “Lieferflat komplett” kostet wie bei Billa 9,99 Euro, drei Monate kommen mit 26,99 Euro etwas günstiger.

Dazu gibt’s eine “kompakt”-Variante, bei der sich die Belieferung auf die Wochentage Dienstag, Mittwoch und Donnerstag beschränkt. Die ist mit 18,99 Euro (für drei Monate) nochmal deutlich günstiger und hat den Vorteil, dass Rewe die Einstiegshürde für Flatrate-Tester ziemlich niedrig legt. Zugleich kann der Lieferservice damit seine Auslastung ein Stück weit steuern und auf die Tage verlegen, an denen bislang womöglich nicht so viele Fenster gebucht sind.

Auf den ersten Blick sieht das alles ziemlich gut aus, vor allem in der Vorbereitung auf den erwarteten Start von Amazon Fresh in Deutschland, das mit einem vergleichbaren Modell arbeiten dürfte.

Die Tücken stecken aber im Detail:

1. Rewe testet die “Liefer Flat” zunächst nur in Köln.

Denn noch ist völlig unklar, wie die Kunden das Angebot nutzen werden. Rewe-Digital-Geschäftsführer Johannes Steegmann erklärt im Supermarktblog-Gespräch:

“Wichtig wird sein, wie sich die Warenkörbe der Kunden verändern: Bestellen sie mehr, wenn sie das Flatrate-Angebot nutzen, oder teilen sie ihre bisherigen Einkäufe lediglich anders auf? Letzteres wäre schwierig für uns, weil es derzeit noch teuer ist, zu den Kunden nachhause zu fahren, da die Stopps in der Regel noch verhältnismäßig weit voneinander entfernt sind.”

Ob es das Angebot auch in weiteren Städten geben wird, ist derzeit also offen. Eine flächendeckende Einführung lohnt sich für Rewe nur dann, wenn die Kunden dem Dienst dadurch besonders treu bleiben bzw. (wie bei Billa) einen größeren Teil ihrer Einkäufe damit erledigen.

2. Die “Lieferflat” ist eigentlich keine echte Flatrate:

Der Getränkezuschlag ab der dritten Kiste muss weiter bezahlt werden. Deshalb wär’s womöglich eleganter gewesen, das Angebot einfach genau so zu nennen wie Billa, um Missverständnisse zu vermeiden. “Lieferpass” trifft’s schon ganz gut.

3. Der kritischste Punkt ist aber: bislang fehlt eine (kundenfreundliche) Automatisierung.

Das heißt: Der Kunde kann, wenn er die “Lieferflat” gekauft hat, nicht einfach munter drauflos ordern, sondern kriegt für jede Bestellung einen Gutschein zugeschickt, den er selbst jedes Mal neu im Bestellvorgang eingeben muss. Macht er das nicht, kostet die Lieferung trotz gebuchter Flat-Option Geld. Wer die Eingabe vergisst, hat Pech. Eine nachträgliche Erstattung ist (bislang) nicht vorgesehen.

Dazu gilt die “Lieferflat” – anders als bei Billa – auch noch nicht für den Einkauf, mit dem sie bezahlt wird. Sondern erst ab dem nächsten (weil ja erst der Gutschein verschickt werden muss). Wer verlängern will, muss dran denken, mit dem letzten Gutschein-Code eine neue Flat zu bestellen, sonst zahlt er zwischendurch wieder einmal.

Steegmann zufolge hat das technische Gründe:

“Wir wollten die Liefer-Flatrate relativ schnell umsetzen und haben uns deshalb für die Gutschein-Variante entschieden. Lösungen gleich so zu bauen, dass sie perfekt funktionieren, ist aufwändig und benötigt viel Zeit. Wir wollen aber vieles ausprobieren und setzen deshalb manchmal auch auf Zwischenlösungen, die natürlich trotzdem für den Kunden gut funktionieren müssen.”

Vor allem Punkt 3 sorgt aber dafür, dass der Einkaufsprozess, der sich durch die “Lieferflat” eigentlich vereinfach soll, erstmal geringfügig komplizierter wird. Weil man immer den aktuellen Gutschein-Code zur Hand haben muss.

Und weil man, um Versandkosten zu sparen, erst mal welche ausgibt, um die Flat-Option per Auslösebestellung zu bezahlen.

Anders formuliert: Im Vergleich zur Billa-Lösung ist Rewes “Lieferflat” in der Handhabung unterlegen und weniger konsequent. Das soll sich, sollte das Modell deutschlandweit etabliert werden, ändern, heißt es in Köln. Aber zunächst macht sich’s Rewe selbst schwer, die Kölner Tester von den zweifellos vorhandenen Vorteilen zu überzeugen.

Kein Amazon-Kunde hätte Lust, bei jeder Prime-Bestellung einen neuen Code einzugeben, um wieder in den Genuss der Kostenlos-Lieferung zu kommen. Prime funktioniert vor allem deshalb so gut, weil es radikal einfach ist.

Bei der Lebensmittel-Lieferung ist es womöglich noch drastischer. In einer Analyse des Online-Markts für Lebensmittel (“Nische oder Wachstumsmarkt?”) hat die GfK Nutzertypen nach ihrem Kaufverhalten segmentiert und die Prioritäten dieser Gruppen ermittelt (mehr dazu bei Exciting Commerce). “Heavy Buyer” – also Vielbesteller, die heute schon einen Teil ihrer Lebensmittel selbstverständlich online kaufen und sich hervorragend als Flatrate-Kunden eignen würden – legen den mit Abstand größten Wert auf “Bequemlichkeit”.

(“Ich gebe gerne bei jedem Einkauf Codes ein, die ich vorher aus meinem Email-Postfach fischen muss” taucht in der Liste der Hauptmotive nicht auf.)

Aus Unternehmenssicht ist Rewes Zwischenlösung verständlich. Aber die, die davon eigentlich angesprochen werden sollen, dürften damit erstmal nur so mittelglücklich werden.

Fotos: Supermarktblog

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Der Beitrag Die Vor- und Nachteile von Rewes neuer “Lieferflat” erschien zuerst auf Supermarktblog.

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